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Haus-Biblisthek Jahrgang II = = = «

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Mit Genebmiauna der Photographiſchen Union in München.

Schlaf’ Herzensjöhnchen, mein Liebling bijt du!

©: VNach dem Semälde von E. Anders.

Altustrierte Baus-Bibliotbek

Yu Unterhaltung ... und geistigen Anregung

Band IX

Berlin-Leipzig | W. Vobab & Co. Derlagsbuhhandlung

Drucd von W. Vobach & Es. in £eipsig-R.

*

InhaltsVerzeichnis.

Schlaf’ Herzenslöhnchen, mein Liebling bift du! Vach dem Bemälde von E. Anders. Titelbild.

Pflug und Schwert. Original-Roman von Heinrich

Seite

Dollrat. Schumacher. (Fortſetzung) 1943

New-York. Don Udo Brachvogel:New-York . . 1981 Mit 6 Abbildungen. i

Deutfche Dichtergrüße:

Rätſel. Don L. Hheinrich Mann . 1998 It der Tod ne Don Dr. med. us

| Johannes Kur . 1999

Wer wird fiegen? Ein —— in drei "Büchern

von Reinhold Ortmann. (Sortfegung). . 2009 Moderne Familiengefpentter. Don Ewald van

den Boſch. a ——— . + 20795 Ein Spielerleben. Zine ne aus Satfornien

von Bret Harte . . . . . 2081 Ein Rundgang durch die deutichen N

Plaudereien aus alter und neuer Zeit. 6. Leipzig.

Don Dr. A. Stern. Pe . + 2095

Mit 10 Abbildungen.

Deutfche Dichtergrüße: '

Letztes Von Emil zu ——

Carolath. . 2120 Ein Zirkuskind. Novelle von Riccardo ——— 2121 Der Gruß und Teine formen im Wandel der

Zeiten. Don Dr. Rudolf Kleinpaul . 2139

1942 Inhaltg-Derzeichnis. \ = ö f “2

“eo,

Die frau in der Politik, Eine a von A. Oskar Klaußmann. . . . . 2146 Oelfprengte Feſſeln. rn we Diandeeio von Ko onrad

B u d d e 0 0 0 0 0 0 + + 0 2 153 mit 4 Abbildungen.

Allerlei: Balzacs Rabe 2: 0 ein een nn. 2161 Beim Dogelarzt. (Mit I Abbildung) 2 a u 2102 Wie man ehemals Steuern einzog. . 2164 Seräucherte Schinten als Preis fürj er Eheleute 2164 Strafe für Butterfälfcher. . - . 2165 Ueber fingende Schlangen. © . 2 2165 Ueber ein Erdbeben in Tidhifu. . . 2167 Eine merfwürdige Erinnerung an den eriten inter: nationalen Herztefongreß . » . 2.2... 2167 Zur Befchichte des Beldes . © 2 2 0 2. . 2168 Beiratsgefuch vom Jahre A812. . » . . . . 2169 Der preußifche Pfiff. .. 2.2169 Der englifche Satyrifer Jonathan Swift —F 2170 Verfügung wider das Morden a, Kinder 2171 Sürftliche Stobheiten . . . . 2171 Teure Paffionen . ». » 2 2 2 2 2 0 ne. . 2122 Ein intereffantes Bud. - » > 2 2 2 2.2. 2172 Wenig fhmeidhelbaft . . » 2 2 2... . 2172

Rätlel-Ede - - - - : 2: 220. ‚2123, 2174 Inferate » > > 2 20 n en enn . 2105, 2176

BERRERER

| Pflug und Schwert, | Original:Roman von Beinrich Bollraf Schumacher.

(8. Fortſetzung.) (Vachdruck verboten.)

XXVII.

—0 olle zwei Tage blieb Dittmar in ſeiner Stube. Als 4 er dann, Barbas flehentlichen Bitten nachgebend, wieder zum Vorſchein kam, war er verſchloſſener, denn je zuvor. Seine Bewegungen waren langſam, faſt ſchwerfällig; oft mechaniſch, wie einem fremden, außer ihm ſtehenden Willen gehorchend. Seine Augen blickten kalt, teil— nahmslos gegen die Dinge der Außenwelt. Es war, als ob ſie nach innen ſchauten, auf ein geheimes Leben dort, dem alle ſeine Aufmerkſamkeit und Kraft galt; aus dem ſich ein Ent— ſchluß emporgerungen hatte, feſt, unbeugſam, ehern. Unter dieſem Entſchluſſe erſtarrten ſeine Züge; niemals mehr kam jenes ſtille Lächeln um ſeine Lippen, das ihn Barba und das Kind gelehrt hatten; niemals ſprach er ein Wort über das Notwendige hinaus.

Barba ſchrieb ſein ſeltſames Weſen dem Schmerz über ihren Verluſt zu, der Eiferſucht auf Henne, die ihn verzehrte. Sie ſuchte ihn zu tröſten, ihn durch erhöhte Hingabe milder zu ſtimmen. Mit heißen Bitten drang ſie in ihn, ſie nicht .allein mit Henne und dem Knaben in die weite, unbekannte Ferne ziehen zu lafjen, au der es vielleicht Fein Wiederjehen gab. Sie ftrömte über von Schilderungen des Lebens, das

1944 Heinrich Vollrat Schumacher.

fie dort draußen in der neuen Welt miteinander führen wollten. Dort, wo niemand fie fannte. Dort, wo niemand ihnen im Wege war. Dort, wo fie einander lieben Tonnten, ohne den Haß und die Verfolgung durch die Anderen. Und Henne jtimmte in leidenjchaftlicden Worten mit ein. .

Und es fchien ihnen zu gelihgen. Es gab einen Augen- lid, wo in die jtarren Augen etwas wie Milde zu kommen ichien, al3 wolle ſich etwas wie eine Laſt von diejem ſtummen Herzen löfen. Da war’d, daß Dittmar einwilligte, mit fort zugehen. | Gleich darauf aber war er wieder jo falt und abweijend, wie zuvor. Als ob er die weiche Regung bereits bereue. Dennoch that er nichts, was auf eine Zurüdnahme feiner Zu— ftimmung hindeutete. Er mwiderjprach nicht, wenn Barba bei den Zurüjtungen für die lange Reife und das unbelannte Leben, das ihrer wartete, auch ihn und feine Bedürfniſſe in Anschlag brachte; er unterjtüßte fie vielmehr. In jeiner jtillen, geräufchlofen Art, die das laute Wort nicht liebte und den alten Mann wie einen Schatten inmitten de3 warmen Lichtes einherwandeln ließ, dad nun den Weg in die Waldhammer- jchmiede gefunden hatte. Trotzdem wich die Sorge un den Vater von Barba nicht. Der jtarre, finitere Ernſt jeiner Stirn, der falte, wie von einem unbefannten Entſchluß gehärtete Aus— druck ſeines Gefichtes erjchredte und quälte jie.

Er aber ſchien nicht3 von alledem zu merken. Einem längeren Alleinfein mit ihr ging er geflifjentlich au dem Wege. Drohte einmal ein folches, fo holte er eiligjt Henne herbei, um mit diejem die Vorbereitungen für den Auszug zu bejprechen.

Hier gab e3 viel zu beratichlagen, zu thun, Für Henne mußte Straflofigfeit wegen des Wildfrevel3 erwirft, der Wulff3- hof mußte verkauft werden. Ebenſo die Waldhammerfchmiede, ein fchwierige8 Unternehmen in diejer armen Zeit. Auch galt ed, die Papiere herbeizufchaffen, die es Barba ermöglichten, eine neue Che einzugehen: die amıtliche Bejcheinigung von Bertrandd Tode. |

Alles das übernahm Dittmar ſelbſt. Alle Einwendungen Hennes ſchnitt er kurz, entſchieden, faſt rauh ab. Dies war ſein Wille; es war vergebens, dagegen anzukämpfen. Und

Pflug und Schwert. 1945

Henne fügte fih. Durch den Wald ring um das düſtere Haus itrahlte der Sonnenjchein, und Sonnenlicht leuchtete auch in Barbas Augen, von Barbas Stirn. Beide umfing das junge, „auchzende Glück.

Sie achteten kaum darauf, wie der Alte ſich eines Tages zum Gange ins Thal rüſtete. Feſte, freudige Zuverſicht erfüllte ſie, ſichere Hoffnung. Sie Hatten ſich; was konnte nun noch fommen? : | Und ſie lächelten einander zu. Sie zogen in den wogenden

Wald, Iagerten im frischen Graje der Lichtungen und jchauten träumend und genießend in den hohen, tiefen Himmel hinein, Hand in Hand; zwilchen ihnen das Kind. Da war's, daß Johannes lachen lernte. *

Amtmann Dreßler empfing den Waldhammerſchmied ſofort. Neben dem Schreibtiſch ſtehend, auf den er ſeine Rechte ſtützte, blickte er dem Eintretenden mit einem faſt höhniſchen Lächeln entgegen. Seit jenem Tage, da Hilde Karl von Nottorps Frau geworden, fühlte er ſich ſicher. Wenn Karl von Nottorp nun auch wirklich den wahren Zuſammenhang der Dinge erfuhr unangenehm und peinlich würde es ja für den Amtmann ſein, aber nicht mehr gefährlich. Hildes Gatte würde nicht gegen den Vater ſeines Weibes auftreten. Und was konnte er denn ſchließlich auch verlangen? Die Rückgabe des Gutes. Aber war das als Hildes Mitgift nicht ſchon in ſeinen Händen? Oder wenigſtens Hatte er den Nießbrauch davon; ſpäter, nach des Amtmanns Tode, würde e3 ihm ganz gehören.

Und der Tod des alten Freiherrn konnte man ihn dem Amtmann zur Laft legen? Er Hatte den Mord nicht beitellt.. Aus freien Stüden, aus eigenem, unmittelbarem Willensdrang Hatte Dittmar, der Waldhammerfchmied, ihn begangen. Der da eben eintrat, die Stirn finjter gefaltet, einen düſter glühenden Blick in den Augen.

„Ihr ſeid's, Dittmar?“ rief der Amtmann mit feinem lauten Lachen, Hinter dem er feine Befangenheit verbarg. „Was führt Eud) zu mir, Manı? Kann id) etwas für Euch thun? Dann jchnell, ich Hab’ nicht viel Zeit übrig!“

1946 Heinrich Dollrat Schumacher.

Sn Dittmard hartem Geficht bewegte fich fein Zug. Richt? -- Früher hattet Ihr immer: an Br: mid), Amtmann?“ | |

Wieder lachte jener. | „Früher ja! Aber jetzt die Dinge haben fid ein wenig verändert jeitdem, mein Beſter! Oder wißt Ihr noch nicht, daß ſeit vier Wochen Hilde Dreßler Freifrait von Nottorp genannt wird?“

Der Hammerjchmied nidte Falt.

„Ich weiß ed. Ihr habt das jchlau gemacht, Amtmann!“

Amtmann Dreßler that verwundert.

„Schlau? Kann ich juſt nicht jagen. Hab’3 überhaupt gar nicht gemacht. Sit ganz von jelbit gefommen. Wie das jo geht bei jungen Leuten. Hatte ſich da der Junge ſchon vor langer Zeit in daS Mädel vergafft. Konnte nicht von ihr laſſen. Na, und was wollte ich da thun? Sie war ja auch rein weg nad) an Hab’ aljo Sa und Amen dazu gejagt. Nur jchade, daß ich's nicht ſchon friiher wußte, wie’3 mit den beiden jtand. Dann wäre die ganze Geſchichte von damals nicht nötig geweſen. Haus Nottorp wäre dann ja auch ſo zu den Dreßlers gekommen!“

Dittmar ſah ihm mit einem ſeltſamen, ſtarren Blicke in die Augen.

„Wirklich? Wär's das, Amtmann?“

Jener ſah fort.

„Ihr glaubt mir nicht? Na, Ihr ſolltet nur ſehen, wie die beiden miteinander leben! Wie die Turteltauben! Aber 's iſt ja ſchließlich auch gleichgültig, was Ihr glaubt und was nicht. Jedenfalls iſt die alte Geſchichte m mich nun gründlid ad acta gelegt!“

„Weiß er's?“

„Warum nicht gar! ch werd's ihm doch nicht auf Die Nafe binden! Und Ihr Ihr ſchweigt natürlich, wie zuvor. Sit ja Euer eigener Borteil. Sch bin ja nicht mehr beteiligt. Wenn er nun wirklic auch) erfährt, wie ich die Gelegenheit nußte na, er wird ein paar Wochen ſchmollen und Dan iſt's wieder gut!“

Pflug und Schwert. 1947

Er lachte laut und ging ein paarmal Iebhaft Hin und ‘her, mit fejten, ſchnellen Schritten. Die Krankheit jchien aus feinen Füßen gewichen. Seine riefige Geftalt trug ſich ſtraff aufgeredt und. verriet in nichts die vierundfünfzig Jahre des Manned. Seit Hilde Hochzeit ſchien etwas wie eine neue Sugend über ihn gekommen.

Ein langes Schweigen berichte nach ſeinen letzten Worten. Dittmar ſtand noch immer neben der Thür, bleich, geſenkten Hauptes, die Lippen feſt aufeinander gepreßt. Als befürchte er, daß ihnen ein unbedachtes Wort entfliehe, das die geheimen Pläne ſeines Herzens verraten könne.

Nun richtete er ſich langſam auf und trat etwas näher. Seine Stimme klang gedämpft, ſein Atem ging ſchwer.

„Iſt's Euch wirklich ſo leicht ums Herz, Amtmann?“ fragte er mit verſchleiertem Blick. „Wenn der Nottorp alles erführe, glaubt Ihr, er würde Euch's ſo hingehen laſſen?“ | |

Amtmann Drepler blieb ftehen. Noch lachte er.

„Hab’ id) den Mord bejtellt?“

Diejelbe Frage hatte er dem Schmiede am Tage der Heim: fehr der Sieger ind Geficht gejchleudert. Damals hatte das Wort Dittmar wie ein Schlag getroffen. Nun aber jchien es ihn faum zu berühren, ob einer es Mord oder-Notrecht nannte, was er gethan..

Er nidte nur, leije, kaum merklich; als habe auch für ihn die Frage längſt ihre Bedeutung verloren, jene ewig bohrende Frage der langen, ſchlaflo en Nächte, die Frage nach dem Recht.

„Nein, Ihr beſtelltet den Mord nicht!“ ſagte er dumpf, jedes einzelne Wort ſchwer betonend. „Aber Ihr ſchufet ihn!“ |

Noch, immer lachte Amtmann Dreier.

„Ich ſchuf ihn? Seid Ihr närriih, Mann?“ „Ihr kamt zu mir und jagtet mir, daß es der Nottorp geweſen war, der mic ehrlos gemacht. Ihr Fanntet mih. Ihr wußtet, daß ich's ihm nicht jo hingehen Lafjen würde. Und aus Euren Worten über die geplante Flucht erjah ich Die Öelegenheit. So that ich's. Gewiß, der Mann war mir

1948 Heinrich Dollrat Schumacher.

inmer verhaßt. Aber nur als der Herr über Knechte, ‚nicht als Menſch. Ein ehrlicher Kampf war zwilchen uns gewejen um daS alte und das neue Recht. Ein Kampf mit Worten und Gründen, nicht mit tötender Waffe Die kam erſt in meine Hand, al3 ich auch den Menſchen in ihm haſſen gelernt hatte. Und durch wen hatt’ ich's gelernt? Durch Euch, Amt- mann, durch Eu! Darum Ihr Schufet den Mord! Nie hätte meine Hand nach der Waffe gegen den Nottorp gegriffen, hättet Ihr fie mir nicht hineingedrückt!“ j

Der Amtmann hatte ſich abgewandt. Sein Gefiht war blaß geworden und jeine Augen fuhren unruhig umher. | „Und warunı jagt Ihr mir das alles?“ ftieß er endlich hervor. „Soll ich denn nie Ruhe haben vor Eu? So geht doch hin und jagt’3 dem ungen! Sagt's ihm, packt e8 vor ihm aus, alles, wie Ihr es Euch zurecht gelegt Habt. Wir werden ja jehen, ob er mehr Euch oder mir glaubt!“

Dittmar ftand regungslos, unverwandt vor ſich Hin ing Leere. jtarremd.

„a, dag würden wir jehen! Ihr würdet’3 jehen, Amt— mann, daß er mir glaubt, nit Euch! Euer Fall ift der Betrug, die Lit, die Lüge; alles Habt Ihr durch) die Lüge gemacht. Aber ich wohl, ich tötete! Aber, Amtmann, id) log nicht! Nie Habe ich gelogen, nie! Und darum id) werde nicht zu ihm gehen, wenn Ihr e8 hindern wollt. Und Ihr könnt e8 hindern. Ob ich jpreche oder nicht beides liegt in Eurer Hand! Denn, Amtmann, Shr jollt mix Helfen. Deshalb bin ich zu Euch gekommen. Helfen, daß ich von hier fortgehen Tann!“

Der Amtmann fuhr jäh herum und jah jenen —— an.

„Fortgehen Ihr wollt fortgehen? Wohin?“

Ein ſeltſames Licht erſchien plötzlich in Dittmars Augen. Langſam wandte er ſie dem Fragenden zu, mit einem wie meſſenden Blicke, der deſſen ganze Geſtalt umfaßte. Als prüfe er des Gegners Kräfte für einen zukünftigen Kampf, für den Kampf, der beiden das Ende bringen mußte.

„Fortgehen ja, fortgehen!... Wohin weiß ich's?“ Ein rätjelhafter, verjchleierter Ton war's, in dem er die Worte geiprochen. Aber dann, wie um den befremdenden Eindruck

Pflug und Schwert. 1949

wieder zu verwiſchen, ſetzte er einfach, ſchlicht hinzu: „Wir wollen auswandern, Barba, der Knabe und ich. Nach Amerika. Auch Henne Wulff geht mit. Er heiratet Barba. Wir wollen

der Sache hier ein Ende machen, und da's nicht anders geht,

jo gehen wir!“

Strahlende Freude war mährenddejlen im Gejichte des Amtmannes aufgeitiegen. Er machte gar feinen Verſuch, das Aufatmen der Erleichterung zu verbergen, das jeine Bruſt Hob and ſenkte. Mit einem Blide überfchaute er die gewaltige Tragweite des Gehörten. Eine Befreiung war's für ihn, eine Erlöſung von dem jahrelangen Drucke, den der Gedanke an Dittmard Nähe, an die ſtumme Drohung feiner Augen auf jeine Scele gewälzt Hatte. Nun endlich follte er für immer aufatmen dürfen, nun endlich follte diejer düſtere Schatten aus - jeinem Leben weichen!

Alles löfte ſich aufs beſte. ALS Sieger gingen die Dreßlers aus dem furchtbaren Kampfe hervor um das Land unter dent Bilitein, Sieger überall.

„Und dazu joll ic) Euch helfenꝰ fragte er haſtig, bereit, alles zuzugeſtehen. „Was kann ich für Euch thun?“

„Zuerſt gilt es, für Barba die Heiratserlaubnis be— ſchaffen!“

Der Amtmann nickte lebhaft.

„Ihr meint, den Totenſchein für den erſten Mann, den franzöſiſchen Kapitän? Aber das iſt leicht! Hab' ich ſeiner— zeit nicht ſelbſt die amtliche Nachricht erhalten, daß er beim Uebergang über die Bereſina ertrunken iſt?“ Er öffnete den großen Schrank, der die eine Wand des Zimmers bedeckte. „Bertrand hieß er, alſo B!“ Er zog das Abtenſtück hervor und ſchlug die Seite auf. „Da ſteht's! Ertrunken in der Bereſina. Ich will Euch den Schein ſofort ausſtellen. In vierzehn Tagen kann dann die Hochzeit fein!“ |

„sn vierzehn Tagen!“ wiederholte der Schmied langjam - und jah zu, wie der Amtmann jchrieb. In ſeinen Augen war wieder jener ſeltſame, meſſende Blick.

„Und gleich nach der Hochzeit werdet Ihr fortgehen?“

„Gleich nach der Hochzeit. Ja, dann wird's geſchehen!“

Amtmann Dreßler lachte. | |

150° Beinrich Dollrat Schumacher.

„Ihr jagt das jo faft fchwermütig! Aber, Mann, e3 muß Euch doc) leicht werden, das Fortgehen. Ihr Habt hier. doch nicht gerade viel Angenehmes erlebt. Ihr jolltet froh fein, daß das alle nun ein Ende Haben wird!”

Dittmar lächelte faft; ein ſchwaches, jchattenhaftes, furcht- bares Lächeln, das in jeine augen feinen zn von Freude brachte. ; „Ein Ende. Alles wird ein Ende haben. Ya.“

Unbewegt nahm er den Schein, der Barba und Hetme Wulff vereinen ſollte. Dieſes Eine wenigſtens hatte ſich zum Guten gewendet, nicht mehr würde das Kind unter der Schuld des Vaters leiden. Und das, was noch kam, würde ſie nicht mehr berühren. Vielleicht, daß Barba es kaum erfuhr, wenn ſie fort war. Wenn ſich zwiſchen ihr und der Heimat die große Flut dehnte, zwiſchen ihr und dem Vater; die Flut des Ver⸗ geſſens.

„Auch muß Henne Wulff ohne Strafe ausgehen!“

„Ihr meint wegen des Wilderns? Zugeſtanden, Dittmar! Wir wären ja froh, wenn wir alle Wilddiebe ax] dieje Weile los würden!”

„Und den Wulfishof den müßt Shr Taufen, Amt—⸗ mann! Ebenſo meinen Waldhammer. Beide ſind den Nottorps und Euch ja immer im Wege geweſen. So wird's für Euch ein Vorteil ſein, augugreljen. Wenn Ihr wollt, fünnen wir gleich rechnen!“ |

Der Amtmann zügerte.

„Segen Eueren Waldhammer hab⸗ ich nichts!“ ſagte er lauernd. „Das lohnt ſich immerhin. Da wird der Wald ganz mein. Aber der Wulffshof es ſollen viel Schulden darauf ſtehen!“

Dittmar nickte und ſah ihn an, mit jenem ſtarren, kalten Blick. „Die ſind vom Schlüter, dem Kaufmann in der Stadt. Gewiß, wenn der es will, gehört der Wulffshof morgen ihm, ohne daß es ihn noch einen Heller weiter koſtet. Aber Henne Wulff muß was mit in die Ehe bringen, wie ſeine Frau das Geld für den Hammer hineinbringt. Er darf nicht der Mann ſeiner Frau werden. Gleiches Recht und gleiche Pflicht für

Pflug und Schwert. 1951

beide. Und zudem it Der Johannes da, der Johannes Bertrand, der ihn nichts angeht, den er aber mit.ernähren muß: Drüben in dem fremden Lande, wo ihn feiner fennt und mo feiner ihm Hilft. Darum müßt Ihr den Wulffshof Laufen, Amtmann, damit noch ein Stüd Geld für ihn dabei heraus- fommt, mit dem er meiterjehen kann. hr müßt ihn be- zahlen nad) dem Werte, den er hatte, ehe das Feuer in bie Ställe fam!“

Eine dunfle Röte ſtieg dem Amtmann ind Geficht. on blidte er zur Seite.

„Daß euer... id) weiß nichts von dem Feuer!“

- Dittmar beugte ih ein wenig zu ihm herab. Ä

„War der Pole, der Garzewski, nicht Knecht bei Euch ehe er auf den Wulffshof kam?“

Jener fuhr auf. | |

„Was Soll das? Was 7 Ihr? Glaubt ri. Gewiß, war der Pole Knecht bei mir! Aber was beweiſt das? Iſt ja noch nicht einmal klar, ob er das Feuer anlegte, er, oder der Landſtreicher, den man auf dem Hofe fand, bewußt⸗ los, blutend! Der ſoll's geweſen ſein!“

„Und Ihr habt ihn verfolgt, dieſen Landſtreicher!“ fiel Dittmar ſpöttiſch ein. „Wie's Eure Pflicht als Amtmann Nicht wahr, Ihr habt ihn gegriffen?“

Verlegen zuckte jener die Achſeln. - „Berjucht iſt's. Nicht meine Schuld, wenn's wicht gelang. Der Kerl iſt ſpurlos verſchwunden!“ Der Schmied richtete ſich auf. „Spurlos gewiß! Alles verſchwindet ſpurlos, Ami⸗ mann, was Euch in Euere Pläne nicht a | „Aber wenn ich Euch verjichere ..

- Mit einer - eijigen Handbewegung. Ihnitt Dittmar dns

Weitere ab.

„Wollt Shr aljo den Wulffshof oder nicht?"

„Und wenn ich ihn nicht will?“

Die Stimme des Schmiedes klang hart, jehneidend, ehern.

„Dann Ihr wißt, die Kafjette des alten Nottorp enthielt ein Papier. Dieje8 Papier gegen den Wulffshof, Amtmann!“ | | |

1952. Heinrich Dollcat Schumacher.

Amtmann Dreßler überlegte. Immerhin ſchien's ihm pafjend, auch dieſes Zeugnis des Vergangenen zu vernichten.

„Alfo wenn ich den Wulffshof Taufe?“

„Exhaltet Ihr das Papier!“

„Sofort?“

„Am Tage, da wir fortgehen!“

„Warum nicht gleich?“

Dittmar antwortete nicht ſofort. Er hatte ich abgewandt, wie um die ſeltſame, tödliche Bläſſe zu verbergen, die ſein Ge— ſicht plötzlich bedeckte. Seine Lippen hatten ſich krampfhaft zuſammengepreßt, als ob er fürchte, daß ihnen ein ſchnelles Wort entſchlüpfen, daß ſie jene Gedanken herausſchreien könnten, den Gedanken, der ihn unaufhörlich, raſtlos durchwühlte, den Gedanken an das Kommende.

„Barba und die anderen gehen früher von hier fort, als ich!“ ftieß er endlich heraus.

„Ich fahre erjt mit dem folgenden Schiffe. Darum ih muß ficher fein in der Zwiſchenzeit, fiher vor Euch...‘

„Aber wenn Ihr geht, werdet Ihr mir daS Papier bringen?”

„Bringen? Der Waldhammer iſt dann Euer. Wer wird es wunderbar finden, wenn Ihr dann zu ihm herauf: fommt, am hellen Tage, vor allen Leuten? Mögt Ihr e8 Euch ſelbſt Holen!“

Seine Stimme war nun wieder ruhig und kalt, wie zuvor. Er wandte fi) dem Gibkenden wieder zu, mit einem fragenden, Antwort heiſchenden Blick.

Amtmann Dreßler überlegte nun nicht mehr. Alles vor ihm und hinter ihm tauchte ſich in das jtrahlende Licht des errungenen Sieges.

„But alſo; ich Hole es mir! Und nun wollen wir rechnen!”

Er zog einen Stoß Papiere zu ſich heran und ergriff eine Feder. Und fie rechneten. Dann jebte er die Verträge auf.

Dittmar ſtand Hinter ihm umd jah zu. Und er ſah Die jteilen, plumpen Schriftzeihen des Amtmanns, wie fie allmäh— lid da8 Papier anfüllten. Wie die Hand ausjah, grob, hart, maſſig, jo jchrieb ie, jchrieb, wie der Mann dachte.

Pitug und Schwert, 1953

Und dem Waldhammerſchmied fiel ein anderes Schriftſtück ein, bedeckt mit Worten von derſelben Hand.

Henne Wulff hatte es gerettet aus der Zerſtörung ſeines väterlichen Erbes. Nun lag e3 mit jenem Papier zujammen in der Kaſſette des alten Nottorp. Ueber im gludite und murmelte daS Waſſer des Bergſees, über dem dunklen Felſen— gange, in dem die Kaſſette jtand. Murmelte in dunklen, fernen Tönen, wie von einer alten, langvergefjenen Geſchichte, von

Schuld und vergofjenem Blute .

Nacht für Nacht ftieg Dittmar in den Gang herab, ſeit⸗ dem das neue Papier zu dem alten gekommen; las es immer und immer wieder bei dem trüben Schein des Lichtes, ohne Furcht vor der Vernichtung, die aus den Fäſſern mit den ſchwarzen, metalliſch glänzenden Körnern drohte.

Ein Glaube war in ihm, ein neuer Glaube. Nicht weil das Recht gegen den Nottorp für Dittmar geweſen war, hatte Gott damals das Furchtbare verhütet. Weil Gott das Unrecht kannte. Weil er die beiden Schuldigen kannte: den, der die That begangen und den, der ſie geſchaffen durch das lügneriſche Wort. Weil Gott die Vernichtung über beide wälzen wollte, das Urteil, das Gericht. Ueber beide zuſammen.

Das hatten die Waſſer gemurmelt.

Und Dittmar beugte ſich über die Schrift vor ihm und betrachtete die Hand, die ſchrieb, und den Schreiber, dem dieſe Hand gehörte, mit jenem ſeltſamen, meſſenden Blicke.

In An Ohren war ein Braufen, es murmelten die ——

* * %*

Um die alte Dorfkirche blühten die Linden. Der füße Duft zog über die Gräber zu ihren Füßen Hin? ſich mit dem jtrengen Atem des Epheus, dem Modergeruch vergilbter Blätter mijchend. Durch das dichte Yaubdach der Bäume fiel hier und da ein Sonnenftrahl, jpielte um weiße Grabſteine und zer- brochene Kreuze, ließ Hier da3 tiefe Blau und fatte Not blühender Blumen noch leuchtender herbortreten und machte dort in den Winkeln die Schatten noch dunkler und ſchwerer.

Ununterbrochene8® Sunmen von ‚Bienen war in den Bäumen und auf der Erde. Vom Haufe des Schullehrers

ZU. Baus:Bibl. I, Band IX. 123

1954 Heinrich Dolltat Schumacher.

famen fie her, aus den Blumen der Gräber füßen Honig zu jammeln. Auf der Spite des hölzernen Glodenturmes aber, der jich neben der Kirche erhob, ſaß eine Taube. Ihr reines, weißes Gefieder leuchtete biendend in der vollen Sonne. Regungslos jaß fie, den Kopf unter dem Flug geborgen, wie träumend. Unbekümmert um da8 Gerede der Menſchen, die den Eingang zur Kirche füllten.

Plöglich aber flatterte fie erjchredt empor. Unter ihr tönte die Glode.

Der alte Schullehrer hatte fie angeichlagen. Ihr heller Klang drang über die Wipfel der Bäume hinweg zu den nahen Bergen hinüber, ein leije8 Echo in den hochitrebenden Tannen des Forſts wedend. So klang's, als riefen rings umher durch das ganze Thal zarte, weiche Glodenjtimmen.

Die Menge vor der Kirchenthür ſchwieg. Eine heiße, ſchwüle Stille lag über den Wartenden. Blafje Gefichter ftarrten hervor, die noch die Spuren der überjtandenen Not trugen, der Krankheit, der Entbehrung. Aber auch Zeichen des Haſſes, Schadenfreude und Hohn. Dennod) unterbrach Fein Wort, fein Ruf die Stille. Schweigend warteten ie.

Die Ölode verflang. Mit ſcheuem Blid ſchlich der Schul- lehrer um die Kirche herum zur Safriftei, in der der alte Pfarrer des Dorfes der Ankommenden harrte.

„Es ift nit gut mit den Leuten, Herr Pfarrer,” fagte der Lehrer befümmert. „Wenn's nur fein Unglüd giebt. Warum beitand Henne Wulff aber auch auf der Trauung in der Kirche!“

Der Pfarrer hob ein wenig den weißen Kopf.

„Sollte er ſich verſtecken wie ein Uebelthäter?“ fragte er ſanft vermweifend. „Die Kurzſichtigen! Sie begreifen noch nicht, daß es beſſer iſt, zu lieben als zu haſſen. Wohl, ſtrecke den Feind deiner Heimat zu Boden, aber dann reiche dem Wunden die Hand, daß Ihr Euch verſöhnt und lieben lernet. Auch verſtehen ſie das Große nicht, aber vielleicht .. einit .

Sinnend neigte er das Haupt auf die Brujt, wie müde. Ein alter Mann war er, der jeit den Tagen des großen Friedrich viel Leid und Mühſal durchkoſtet hatte.

Pflug und Schwert. | 1955

Die Menge draußen drängte ſich zuſammen und ſpähte die Dorfſtraße hinunter. Eine Geſtalt war hinter den äußerſten Häuſern hervorgekommen.

Aber es war nicht der Erwartete, nicht Henne Wulff, ſondern ein Fremder. Ein Mann mit langem, ſchwarzem Barte. Unbedeckten Hauptes kam er langſam heran, unſicheren, ſchwankenden Schrittes, in Lumpen gehüllt, eine dunkelrote, furchtbare Narbe auf der Stirn. Zuweilen blieb er ſtehen, den Kopf emporgereckt, wie lauſchend, ſich das Wundmal reibend, als ob es ihn hindere am Denken. Dann ließ er mit verzweifelter Geberde die Hand ſinken und kam näher. Unverſtändliche Worte murmelte er. Wie „Henne Wulff“ Hang3.

Hatte er don Henne Wulffs Hochzeit —57— und kam er, der Feier zuzufchauen? Er ging geradenwegs auf die Menge zu. Sie trat vor ihm auseinander und ließ ihn durch. Man fannte ihn. Nicht lange her war's, da war er hier im Dorfe umbergezogen, Haus für Haus, ein Buch in der Hand, das er wortlos den Leuten hinhielt. Gaben Hatte er ge- jammelt für die Kranken des Thales.

Nun jammelte er nicht mehr. Buch und Geld hatte man eines Tages im Flur des Krankenhauſes der Stadt gefunden, unbejchädigt, ungemindert. Der Mann felbft aber war ver- ſchwunden.

Man hatte ihn weit fortgeglaubt. Auf der Flucht vor der Behörde, die ihn wegen des Brandes auf dem Wulffshof verfolgte. Nun aber tauchte er wieder auf. Zu Henne Wulffs Hochzeit kam er. Und die Leute machten ihm Platz. Sie hatten Mitleid mit ihm. Ein armer Blödſinniger war er, dem man die That nicht anrechnen durfte. Auch war's eine That, wohlgefällig in den Augen der Wartenden. Traf ſie doch Henne Wulff und durch ihn Dittmar, den Verhaßten, Verachteten. Alle dieſe Menſchen würden den Landſtreicher vor Verfolgung geſchützt haben, während ſie Dittmar verfolgten und alles, was zu Dittmar gehörte. Alle Hatte Dittmar ge— kränkt, beleidigt, verachtet. Höher hatte er ſich gedünkt als die Leute des Thales, höher und klüger. Hatte die alten Sitten umſtoßen und neue an ihre Stellen ſetzen wollen.

123*

1956 Beinrich Vollrat Schumacher.

Das verziehen fie ihm nit. Sie haßten ihn. Und ihr Haß fiel au) auf Barba, fein Kind, und auf Henne Wulff, der zu Barba hielt, der dadurch, daß er Barba zum Weibe nahm, allen ind Geficht ſchlug.

Und jo nidten jie dem Fremden lachend zu und machten ihm Platz. Er achtete nicht auf ſie. Er ging zu der alten, ausgetretenen Sandjteintreppe vor der Kirche und jebte fich dort auf die unterjte Stufe. Schwer fiel ihm dag Haupt auf die Bruft. Seine Hände entitrafften ſich in dem Schatten der Linden und ſanken fjchlaff herab. Seine Augen jchlofjen ich; er Ichlief.

Der Lehrer öffnete die Kirchenthür weit. Aber niemand trat ein. Draußen vor der Thür im Holzzaun drängten fie lich, der den Kirchhof umgab. Totenſtille herrſchte. Alle fahen nun wieder die Dorfitraße hinab.

Und um diejelbe Biegung de Weges herum, die eben der Sremde gefommen, famen nun auch Barba und Henne Wulff.

Sie gingen Hand in Hand. Niemand jonjt war bei ihnen, weder Dittmar, noch das Kind. Die Hatte wohl die Surcht im ficheren Haufe zurücdgehalten. Aber Henne Wulff und jeine Braut jchienen feine Furcht zu hegen. Ruhig famen fie die Straße herauf in jonntäglichen Kleidern. Beider Ant: fiß jtrahlte. Sie jchwebten mehr al3 jie gingen. Doch ſahen fie nicht auf den Weg, fie jahen nur einer in des anderen Geſicht. Hin und wieder jprachen fie ein Wort.

„Barba!“

„Henne!“

Leiſe ſprachen ſie es, zitternd, weich, voll unendlichen Glückes, wie aus dem Feiertage ihrer Herzen heraus. Ueber ihnen, in der ſonnengefüllten Luft ſchwebte etwas Weißes, Glänzendes. Die Taube, die ihnen entgegengeflogen war und nun mit ihnen zurückkehrte, inmitten des dumpfen, drückenden Schweigens der Menge, das den Nahenden ent— gegendrohte.

Aber als Henne Wulff die Wartenden erblickte, als er ihre finſteren, zurückweiſenden Mienen gewahrte, ließ er Barbas Hand nicht los. Nur noch feſter zog er ſie an ſich heran, als wollte er offen erweiſen, daß ſie zu einander gehörten.

Pflug und Schwert. 1957

Eine Bewegung kam in die Menge. Wie auf Ver— abredung drängten fie alle in die enge Deffuung. im Holz zaun, mit ihren Leibern eine gewaltige Mauer bildend, mit der fie den Eingang verjperrten.

In der eriten Reihe ftand ein alter Mann, der Schulze des Dorfes. Henne Wulffs Vater war er einjt Freund geweſen, Sreilchöffe gleich jenem. An ihn wandte ſich Henne Wulff.

„Barum laßt Ihr ung nicht u: Der Pfarrer wartet auf ung!"

Mit einem Schimmer von Teilnahme ruhten die Augen de3 Alten auf dem Fragenden. Aber er ermwiderte nichts. Niemand ſprach ein Wort. Lautlos ftanden fie und unbewegt, eine ſtarre Mauer, die nicht wich. |

Sn Henne Wulffs Geſicht ſtieg langſam eine dunkle Röte, ſeine Augen flammten.

„Was hindert Ihr mich? Was habt Ihr gegen mich? Hab’ ich nicht gefämpft, jo gut wie einer? Hab’ ich nicht gelitten, wie hr, und alles verloren, wie Shr? Und nun jeid Ihr mir Feind geworden?”

Wieder das finitere‘ Schweigen. Doch nun unterbrad eine Stimme die Stille, die Stimme des alten Mannes. _

„Laß ab von der Berflichten,“ jagte er dumpf, „und wir iverden dir wieder Freunde jein!“ |

Mit ausgeitredter Hand deutete er. auf Barba. Unmill- Türlich wich fie zurüd, erblaffend, den Kopf ſenkend, wie er- drückt von der Lat ihrer Schmad).

Auh Henne Wulff war bleich geworben. Aber die leuchtende Flamme wid) nicht aus jeinen Augen. Mit ſtarkem Griff zog er Barba an fih und fchlang wie fchübend den Arm um fie.

„Dies meine Antwort! Und nun thut, was Ihr wollt!“

Er erwartete nun den Ausbruch des Haſſes. In ihren Händen glaubte er Steine zu jehen, wie er jchon einmal Steine in ihnen geſehen hatte. Und fie würden fich gegen ihn und Barba: erheben, diefe Hände, und die Steine auf fie werfen Und ſie würden ſterben unter den Steinen. |

Aber Feine Hand erhob fi. Unbewegt und ſchweigend ſtand die lebende Mauer wie zuvor.

1958 Heinrich Vollrat Schumacher.

In der Kirchenthür erſchien der Pfarrer. Sein Blick überflog die Menge. Unſchwer erriet er die Abſicht der Leute. Ein mildes, erbarmendes Lächeln zog über ſein greiſes Geſicht.

„Laßt ſie herein!“ ſagte er ſanft. „Das Gotteshaus iſt für alle.“

Die Köpfe wandten ſich ihm zu, aber die Füße wichen nicht von ihrer Stelle. Jener Alte antwortete:

„Henne Wulff brach die Acht, da er um Barba Dittmar freite. Wer ſich zu dem Ehrloſen geſellt, wird ſelbſt ehrlos. Es ſei denn, daß er ſich löſe!“

„Und was muß er thun, daß er ſich löſe?“

„Er laſſe von der Ehrloſen!“

„Was Gott zuſammenfügt, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden!“

Ohne Beſinnen kam die Antwort.

„Wir trennen ſie nicht. Wir wollen nur nicht, daß ſie das Haus Gottes entweihen. Ein uraltes Haus iſt's, erbaut von unſerer Väter Vätern. Keines Ehrloſen Hand hat je daran gerührt, kein Ehrloſer je ſeinen Fuß in den heiligen Raum geſetzt, es ſei denn, er habe ſich zuvor gelöſt!“

Wieder erklang die milde, traurige Stimme des Pfarrers.

„Und was muß Dittmar thun, daß er ſich löſe?“

Darauf die harte, markige des Bauern:

„Er thue, was er will. Nie aber wird der gelöſt, der Vaterland und Heimat verriet!“

„Aber ſein Kind! Iſt es nicht ſchuldlos?“

„Barba Dittmar ſchuldlos! Das Franzoſenliebchen!“

Der alte Bauer hatte es herausgeſtoßen mit einem furcht- baren Lachen des Hohnes.

Und alle die Männer um ihn ber fielen ein. Von aller Lippen brach diejes jchredliche, vernichtende Lachen.

Unter ihm ſank Barba in fih zujammen. Aber Henne Wulff hielt fie aufrecht.

An jeiner Bruft bielt er fie und ftrich ihr mit der Hand leiſe, liebfojend über dag Haar. Ein Schluchzen drang aus jeiner Bruft. Nicht wegen de3 eigenen Leides, nur um fie, die litt.

Pflug und Schwert. 1959

Der Pfarrer ſah e3. Ernſte Entichloffenheit fam in feine Augen. Mit einer Stille heifchenden Geberde wandte er fich an die Menge.

„Ihr weigert ihnen den Eintritt!” rief er laut. „Weigert Ihr ihn auch, wenn ih Euch im Namen des Gottes, dem id) diene, befehle, jie zu mir zu laſſen?“ |

Er ſtand hochaufgerichtet, das weiße Haupt zurückgeworfen. In feinen Augen brannte ein heißes Licht des Zornes.

Auch in den harten Augen des Bauern flammte es auf. Auch feine Stimme tönte:

„Bir weigern e3 nicht!’ jtieß er Hark, mit ſchwerem Atem heraus. „Aber niemand von ung würde Hinfort mehr zum Altar des Herrn fommen, niemand weh das Haus Gottes betreten, das entheiligt!“

Er blickte im Kreiſe umher. Und plötlich, wie einem un- geiprochenem Befehl gehorchend hoben fich alle die rauhen Bauernhände um ihn empor, wie zu einem Schivur.

„Niemand! Niemand! Niemand!”

Der Pfarrer erblih. Ratlos 'irrte fein Auge über Die Männer jeiner Gemeinde Er kannte fie alle. Mit ihnen hatte er gelitten, gedarbt, gebetet. Alle die Fehler und Leiden- Ichaften kannte er, die in diefen harten Herzen lebten, aber auch alle die ftarren Tugenden. Durch diefe heißen Leiden- Ichaften, durch diefe ftarren Tugenden hatte fich das Vaterland fiegreich über die Vernichtung erhoben. Daß fie an den alten, Itrengen Bräuchen hingen, hatte fie der Verführung der Fremden unzugänglich gemadjt. Und nun durfte er den Stab über ihnen brechen darum, daß fie jene Bräuche auch gegen die eigenen Zandsgenofien fehrten ?

Nachfinnend ftand er eine Weile inmitten de3 erwartungs- vollen Schweigens. Dann fam das milde, erbarmende Lächeln wieder in feine Augen. Langſam ftieg er die Treppe hinab, vorüber an dem teilnahmlos auf der unterften Stufe figenden Fremden, und fam zu den Männern. Sein leuchiender, ver- zeihender Blick überflog ihre wilden Gefichter.

„Aber mich werdet Ihr doch zu ihnen hinaus laſſen?“ fragte er fanft. „Denn auch fie dienen Gott, und wenn

1960 Beinrich Dollrat Schumacher.

Ihr fie nicht zu ihrem Gotte laſſen wollt, jo muß ihr Gott zu ihnen kommen!“

Willig öffneten fich ihm ihre Reihen. Ruhig fchritt er Hindurch, eine Hohe Geitalt, da3 weiße Haupt über den Andern emporragend. So kam er zu Henne Wulff und Barba.

Mit ein paar geflüfterten Worten verftändigte er fie. Hinter ihm ſtand der Lehrer, der ihnı gefolgt war, der Zeuge. Und Henne Wulff und Barba janfen nebeneinander auf die Kniee in den Staub der Straße. Ihre Häupter umfloß das goldene Licht der Sonne. Und ein tiefes Schweigen war rings umber. Nur das leije, auf- und abjteigende Summen der Honig tragenden Bienen. Wie ferner Orgelton Hang8.

Der Bfarrer erhob die Stimme.

„Und jo frage ich dich denn, Henne Wulff, willſt du dieſe Barba Bertrand zum Weibe?“

Etwas wie ein dumpfer, wirrer Ausruf kam von der Kirchentreppe her. Von dort, wo ſich jäh die Geſtalt des Fremden erhob. Sein verwildertes Geſicht mit der blutroten Narbe und den weit geöffneten Augen erſchien weit vorgereckt, wie einem zu ihm dringenden Rufe lauſchend über den Köpfen der Menge.

„Ja!“ antwortete Henne Wulff laut.

‚Und du, Barba Bertrand, willit du dieſen Henne Wulff zum Manne?

„Ja!“ antwortete Barba Bertrand.

Der Pfarrer wechſelte die Ringe, einfache, ſilberne Reifen nach der Väter Weiſe.

Dann breitet er die Hände ſegnend über die Häupter der Neuvermählten.

„Bertrand!“ ſchrie der Mann auf der Kirchentreppe gellend auf. „Bertrand!“

Noch immer ſtand er weit vorgebeugt. Aber ſeine Augen blickten nun nicht mehr fremd und wie verloren. Weit drangen ſie aus ihren Höhlen hervor, wie ein Licht in ſich aufnehmend, das plötzlich vor ihnen aus tiefer Nacht emporflammte.

Der Ruf brachte eine wilde Bewegung in die Menge. Wie eine Frage Hatte er geklungen. Und jeder einzelne ant- wortete, vol Haß und Verachtung.

Pflug und Schwert, 1961

„Bertrand! Bertrand! Die Witwe des Sranzojen! Das Sranzojenliebchen! Das Franzoſenliebchen!“

Der Mann auf der Treppe wankte zurüd. Wie * der Flucht vor etwas Geſpenſtigem, unwiderſtehlich auf ihn Ein— ſtürmendem, wandte er ſich zu der offenen Thür hinter ihm und verſchwand im Dunkel der Kirche. |

Dort fiel er in den erjten Kirchenftuhl, niedergeworfen von der Wucht der Erfenntnis. Seine Hände rieben Die Narbe.

„Bertrand ?” flüjterte er vor fich hin. „Bertrand?“

Auf - jenen allgemeinen Ruf Hatte ſich der Pfarrer auf- gerichtet. Zornrot hatte er fein Geſicht den Störern der heiligen Handlung zugewandt. Nun aber, da jie, wie erjchredt über das eigene Beginnen, wieder verjtummten, wich die Erregung don ihm. Ein großes, die ganze Welt umfafjendes Mitleid Fam über ihn, jenes Mitleid, das aud) in Henne Wulffs und Barbas Herzen war.

Wann würde allen Die Erlöjung kommen, die Erlöjung von Hafje? Und der greiſe Pfarrer neigte ich zu denen, die von ae Gemeinde ausgeftoßen waren, zu den Geächteten, Entehrten, Ver— folgten. Und warf fich gleich ihnen auf die Kniee nieder, in den Staub der Straße und hob die Hände und betete laut:

„Vater unjer, der du bijt im Himmel...

Henne Wulff zog Barba an id. Und wieder ſtrich ſeine Hand leiſe, zärtlich über ihr geſenktes Haupt. Denn Barba weinte. Und auch ſie betete in ihrem Herzen, für die, ſo nicht vergeſſen konnten, daß ſie vergeſſen lernten.

Das heilige Gebet des Pfarrers tönte zu jenen hinüber. Aber es drang nicht in ihre Seelen. Schweigend ſtanden ſie und keiner entblößte das Haupt.

Als wäre es nicht auch ihr Gott, zu dem das Gebet auf— ſtieg ...

XXVIII.

Um Barba und Henne ſang der hohe Wald. Aus leiſem Blätterrauſchen, Quellenrieſeln, Vogelſchlag und Käfergeſumme fügte er ihnen das Lied, das frohe Lied ihres jungen Glückes.

Wie ſie langſam, feſt aneinander geſchmiegt, bergan ſtiegen, blieb das Leid hinter ihnen. An der Schwelle des großen

1962 Beinrich Vollrat Schumacher.

N ee en een en a ad

Gottes hatte e8 Halt gemacht, es wich) vor feinem ruhigen Lichte, es ftarb in der reinen, das Unreine verwehenden Luft. Ein gewaltiger Tempel des Ewigen, umfing die Wandelnden der Jingende Waldesdom, erhabener und freier als ein ver= gänglich Gerüft, von ſchwachen Menfchenhänden gezimmert. Da ftand niemand wehrend an der Schwelle.

Und Barba und Henne traten ein.

Sie gingen am Waldhammer vorüber, am Ufer des blau= ſchimmernden Bergſees entlang, und ftiegen empor, auf ſchmalem Zaubpfade, zur felsgefrönten Kuppe. De Helleberges, der weit- hin fchauend Bilftein und Thal und das ganze Land überragte. Den hatten einft, der Sage nach, jene feurigen Erdgeijter aus tiefem, :geheimnißvollem Erdſchacht eniporgetrieben, die damals die Waſſer des Bergjees ind Thal unter dem Biljtein hinab— gejagt, Tod und Verderben bringend dem wimmelnden Ameiſen⸗ volfe der Menfchlein. AS Wahr: und Mahnzeichen vagte feit- “dem der Helleberg, der König unter dem Genoffen. Sieben Felſen ſprangen jteil, fait ſenkrecht aus feinem Haupte hervor, gleich den Zaden einer gewaltigen Krone, gebaut aus unvergäng- lihem Granit, dem jtarfen unter den Steinen, während das Geftein der anderen Faulſchiefer, Schwerſpat und Wade war.

Zur Krone des Helleberges führte Barba und Henne der Weg. Das endlich errungene Glück machte fie jcheu, die Augen der anderen meidend. War’3 aud nur ein alter Mann und ein Heiner Knabe, die für die ©lüdlichen die übrige Welt bedeuteten, jo erjchien ihnen auch das ſchon zu viel. In ihnen war ein Verlangen nad) der feufchen Stille der Natur. Denn fie waren nun wie die Natur rings um fie Her, die dem Ipähenden Auge der Neugier beides verbarg, das höchſte Glüc und den höchſten Schmerz, Liebe und Tod.